• sa, 9.5.2026

    SOUNDING OUT LETTERS

    Jan-Werner Müller, Merkur (Heft 924), „Kleine politische Theorie der Straße“:

    Noch in der vorherigen Ausgabe des Merkur (923) hatte Philip Manow über den sog. Großbegriff KUNST einleuchtend geschrieben, dass solcher aufgrund „hoher Komplexität, einem engen Wertebezug oder auch historischer Offenheit“ immerzu diskutabel, eine discussion in progress bleiben werde, eine im besten Sinne everlasting Heisse Kartoffel.

    Solcherlei Texte, wie der von Manow oder Müller, haben stets eine produktive, mindestens anregende Wirkung, indem sie die eigenen, noch etwas losen Gedanken und Assoziationen zu etwas festeren Partikeln werden lassen, enger ans dahinterliegende Grid der größeren Idee eingebunden. Time will tell. Das Denken also nicht unähnlich einem Granularsynthesizer—
    und sterben staunend an der schweren Welt.

    Den Topos der STRASSE also. Habe ich in einem ähnlichen Sinne als offenen Großbegriff angelegt, mit unklarem Wertebezug, immerhin zwielichtig, vielleicht sogar möglichst grobkörnig an den Rändern. Ich nehme an, meine hausgemachte Variante des Johns’schen „Things the mind already knows“. Stimme dem immernoch zu, seems right to me.

    Müller schreibt:

    „Straßen sind doch letztlich immer ein irgendwie dynamischer Raum (…)“

    „Die Straße ist nicht automatisch ein Raum für Offenheit und Diversität, sondern kann auch ein Ort der Konspiration sein.“

    Er verweist auf Peter Weiss: „Die Straße ist ein Massenmedium“

    Auch bezogen auf die STRASSE gilt doch, nach Luhmann: was wir über Gesellschaft, von der Welt wissen, wissen wir durch die Massenmedien.
    Es schwärmt dort doch von allem, AFK (away from keyboard).

    Später, in Underworld, als ginge es um Kunst:

    „You need these useless skills to make an impression on the street“

  • fr, 1.5.2026

    CRIPPLED SYMMETRY

    Gegen 9 Uhr hat es sich alles planetarisch eingedreht dergestalt, dass der mit der persischen Tagesdecke bedeckte Sessel, in dem ich lese, in Sonnenlicht ertrinkt (wollte ich immer schon mal so hinschreiben), und so sitze ich mit blasser Brust im dunkelblauen Morgenmantel da, und mir steigt der Geruch der von der Strahlung erwärmten Baumwolle in die Nase.

    Vor einem Jahr, heute, war es ähnlich gewesen, in Tivoli, wohin ich einen Ausflug mit Architekt Marco und seiner Frau Laura gemacht hatte, wo wir sowohl die Villa D’Este wie auch die Villa Gregoriana besuchten, und ich erinnere, dass mit jenem ersten Mai auch das nasse Wetter, mehr oder weniger plötzlich, aus der Region abzog, die vielen, mit dichtem, kriechendem Nebel beginnenden Morgen allmählich blauer und heller und die Schauer weniger wurden. Die Wärme in Italien, es ist keine Einbildung, ist dann doch eine anders kalibrierte, sie funktioniert anders, hat ein anderes Wesen. Noch bevor man die Sprache dafür findet, hat man es bereits zu wissen gelernt.

    Als prachtvolle Drainage, die Wassermassen des Aniene zu bändigen, fügte man im 18. Jahrhundert, auf Geheiß des Papstes Gregor Sixteen, Kanäle und Abflüsse den bereits im 16. Jhdt. gebauten Brunnenanlagen hinzu, die das abgeleitete Wasser in die steile Schlucht lenken, die sich jäh hinter dem Tempel der Vesta öffnet, die ockerfarben aufleuchtenden Flanken und Bruchstellen oben am Hang weich und rundgeschliffen, und spät nachmittags, weiter unten, wie ein gigantischer Kelch aufgefüllt mit dem grünlichen Blau des Schattens, in dem die ovalen Formen der Bäume und des Gesteins fast Ton-in-Ton verschwinden.
    Wir liefen die Pfade, die an der Hangseite zickzackartig nach unten führten, herab, es war gut gefüllt mit italienischen Feiertagstouristen, und man spürte mit dem Abstieg die Temperatur sich alle 15 Meter merklich senken, und den Geruch des Wassers, das aus den Grotten hallig und lauter werdend hinausfloss, näher kommen. In die Halbdunkelheit der Grotten fielen vereinzelt noch Strahlen von Sonne, und an den Rändern des Sehens glommen Flecken von Höhlenwänden äusserst blau und türkis, um dann von Moosgrün, zu dunklem Viridian bis in ein vollkommenes Schwarz abzufallen. Überall dort war es hell und dunkel gleichzeitig. Man fühlte Jahrhunderte von Geheimnis und Licht.

    Ich lehne mich hinein in diese Trickserei. Denn ich weiss nicht, wo meine Worte herkommen. Aber meine Retina hat etwas gesehen, so viel weiss ich.
    Tag der Arbeit forever.

    „eine Welt ökonomisch motivierter Lügen“

    Nebenkostenabrechnung. Nachzahlung 536 Euro, holy fuck. Grosser Lacher mal wieder.

  • di, 24.3.2026

    PERSICO MIT ROSEN

    Am Samstag kam dann, ich wartete ja drauf, die Post aus Düsseldorf an, und ich stand am Briefkasten mit dem Gedanken: gib mir die Diagnose, ich will das jetzt an mich reissen (was genau? Die Situation). Und dann, wie immer überrascht:

    Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können

    Ein direkter Uplift blieb aber aus. Vielleicht ist das ja…auch ok?

    What time is it?
    Eine Hummel, ein grosses Exemplar, ein Big Boi, pausiert am löchrigen Mauerwerk, direkt neben meinem Fenster, schrubbt sich mit den Gliedern den Kopf und den feinhaarigen Leib, und zuletzt den Hintern, wo der Pelz weiss ist.

    The time is
    HUMMELPELZ.