• fr, 4.9.2026

    LESS AUTOBIOGRAPHICAL

    „Erratisches Charisma“, schreibt Bert Rebhandl, aus Venedig heraus. Schade. Ich suchte wohl im Text einen Abglanz der Ruhe, die heute Morgen im silbrigen Wolkenhimmel liegt, der vom frischen Wind über diesen Landstrich hinweg geblasen wird. Die Textstelle hatte mich dann etwas angeschrien. So fluide kann ich dann doch nicht sein. Gibt es also eine andere Art Charisma? Etwa logisches Charisma? Auch ganz gut hilarious—fand ich im Text zur aktuellen Ausstellung im Kunstverein: „Serpas lässt sich nicht an den Brettern der Zuschreibungen festnageln.“*
    OK, das ist doch gut, dass die berühmten Bretter der Zuschreibung ungenagelt bleiben. Let’s copyright that. Lässt man sich am „ehrwürdigen“ (Blast from the past) Kunstverein etwa von KI die Texte formulieren? Immaterielle Schäden.
    Einer der ältesten und grössten Kunstvereine Germanys übrigens.
    Gleich schau ich mir die Ausstellung an.

    (* Tags zuvor, Teaser-Headline The Point-Artikel von Anastasia Berg und Jon Baskin: „Wir vertreten die Auffassung, dass wir, wenn wir die Rolle der KI in unserem Leben nicht gründlich durchdenken und abgrenzen, Gefahr laufen, die Verständlichkeit unserer eigenen kulturellen Leitkonzepte zu untergraben…“ DIE VERSTÄNDLICHKEIT)


  • di, 1.9.2026

    REALISM IN MATHEMATICS

    Dämonie des Alltags,
    Menschen erscheinen mir wie die Zahlen, ausgedacht, künstlich, und doch spricht die Welt durch sie hindurch. The largest of the Large Language Models, das hat Arme und das hat Beine, und mit denen (den Palminger-Song bekomme ich zeitlebens nicht mehr aus dem Kopf) geht es oft zu weit.
    Das Labor für diese Art der Beobachtung ist der U-Bahn-Wagen, und die fast täglichen Fahrten mit ihm sind die ganz eigene Testreihe, rein gestülpt in die normale Reihe von Tagen, den sog. Wochen. Übertriebene Wahrnehmungs-Trips der Art, auf die ich gerne mehr verzichten möchte. Wie ein aufgescheuchtes Tier steige ich oft aus, ein bisschen zerrüttet, weniger der Herr meiner Sinne.

    Dämonie des Alltags,
    aber auch die Schönheit von schwarzer Tinte auf „flattened wood pulp“ (Vonnegut). Das bringt mich auf: warum sind denn selbst beim ehrwürdigen Suhrkamp-Verlag mittlerweile alle (gebundenen) Bücher hässlich? Diese zu fettleibigen, serifenlosen Schriften auf Bilder genagelt, zu verwirrendem Effekt teilweise in unterschiedlichen Farben, die aus den Cover-Motiven mit der Photoshop Pipette extrahiert werden, stumpfe Zwangsehen der Elemente. Ich sehe, Clemens Setz hat sich eine Börremans-Malerei gewünscht, und die hat man ihm gegeben. Aber was denkt sich ein Grafiker (ein hauseigener? Ein „freier“? Wie hält man es im Hause Suhrkamp?), was wird er gedacht haben, und wie viele und wessen Augen haben das gesehen und für gut empfunden, wenn das Resultat dann so aussieht? Ist das rätselhaft, oder einfach schlechte, unsensible Arbeit? Hatte ich hier, im Jungle—sorry, Journal—bereits erwähnt, die Parallelität der Niedergänge von Buch-Gestaltung und der dem Design der Fussballtrikots („Die Auswärtstrikots leiden am meisten darunter“)? Ist es gar nur 1 Niedergang, in dem sie alle sich vereinen?

    Ich lese, Cormac McCarthy hat sich, obwohl bereits zu krank und schwach um zu lesen, neue Bücher bestellt bis zuletzt. Wie „aus Zwang“, steht in diesem Text, aber es wäre schön, gäbe es ein anderes Wort dafür, und das gibt es auch, und ich schreibe es mit der Spitze meiner Zunge auf meinen Gaumen.

    Begründete den Entschluss
    mit seiner persönlichen Neuorientierung

  • di, 25.8.2026

    FORCES THAT MIGHT LEAD YOU ASTRAY

    Ein Roboter läuft einen Sprint über die Distanz von 100 Metern. Er ist schneller, als der bisher schnellste Mensch auf dieser Strecke. Das Stadion, es steht in China, ist nicht sonderlich gut besucht. Der für den Wettkampfmoment abgedunkelte Zuschauerraum kann darüber nicht hinwegtäuschen. Es ist nicht sonderlich interessant, sich das anzusehen, und dort zu sein anscheinend auch nicht. Darüber kann der Roboter nicht hinwegtäuschen. Darüber werden alle Roboter nicht hinwegtäuschen können.
    Ich persönlich erwarte übrigens auch, dass ein Roboter, der jetzt, in dieser Zeit, in der so viele Dinge mit der Vorsilbe „Tech-“ versehen werden, entwickelt wird, schneller rennen kann als ein Mensch. Locker. Es gibt ja auch schon lange Maschinen, die können dein Essen in Sekunden erhitzen, oder welche, die haben riesige Schaufeln vorne, die können mehr buddeln als wir.
    Die Beine beeindrucken mich nicht.

    Bremsen, oder Stoppen, ist des Roboters Sache (noch) nicht. Um seinen Rekordlauf zu beenden, muss der Roboter, der jetzt als der schnellste im Vergleich mit dem Menschen gilt, aber vielleicht deswegen nicht automatisch (no pun intended) auch der schnellste Roboter unter allen Robotern ist, in eine grosse puffy Matte hinein rennen. Dabei sieht er schwerst degeneriert aus. Like a tool. Der Triumph hat nicht mal einen ästhetischen Wert. Sein Sensor vermittelt ihm: ah, Widerstand. In der Kunstwelt sagt man „Resistance“, lol.
    Dann fällt der Roboter zur Seite um, und seine dem menschlichen Bein nachempfundenen extensions beenden ihre Aktivität.
    Wie er so da liegt, auf der Seite seines hard shell Exoskeletts, shutting down: hat dieser Trottel der téchne einen Namen?