• fr, 23.10.2026

    LA VIEILLE FERME

    Die relative Dringlichkeit eines neuen Duschvorhangs führt mich zu Fuss durch das Helios-Gelände. Dort, der Leuchtturm, er steht noch, vieles vom Rest jedoch: neu hingebaute, graue Renderings, um bodentiefe Fenster herum gebaut. Oder „Häuser“.
    Hier, auf diesen sandigen Feldern, ich kann es bezeugen, spielten sich dereinst Dutzende und Dutzende von Abenden meiner Werdung ab, in den, wie man sagt, prägenden Jahren junger Männerblüte, als es nur ein Gefühl gab: das einer mysteriösen Vorwärtsbewegung. Mir fallen vor allem natürlich die Konzerte im Underground ein. Neulich fand ich das Interpol Konzert, auf dem ich mit Oli war, auf YouTube wieder. Ich hielt das Video ab und zu an, um zu sehen, ob ich mich im Schwenk durch das Halbdunkel des Publikums würde erkennen können, aber ich hätte mich wahrscheinlich, so wie ich mich kenne, weggeduckt, wäre mir die Kamera aufgefallen. Durfte man noch rauchen während des Konzerts? Nein, ich glaube nicht. Das Sfumato auf den Bildern, das sind nicht zarte Tränchen, das ist unsere Technikzeit, das kommt von Kompression und Downsampling, und nicht von bodies in rooms. Auch in der Vergangenheit sind manche Zeiten schon vorbei.

    Erinnerungen hängen wie droplets über diesem Bild, das wie als Trigger einen Impuls sendet, und nun fluten allerlei Daten durch meine Trossen, aus diversen Ecken hin zum Text:
    der Eingang zum Klub etwa, das fahle Licht aus dem Innenraum, wie es auf die Bierbänke davor fällt, und sich dort mit dem Licht der Glühbirnen, die in Ketten quer durch den kleinen Hof hingen, zu vermengen, zu einem Moment, der die lange unbeschwerte Nacht bezeichnet, ein Flaschenbier, eine Zigarette, selbst gedreht oder aus der Schachtel eines Fremden? Von drinnen kommen die losen Enden einer Musik bei uns an, stark gedämpft. Sogar in dieser geschroteten Form ist Musik das noch: die grosse Vergangenheit, ohne Zukunft. Die passiert nur uns.
    Wie es hier JETZT aussieht? So wie es überall aussieht: wie überall. Über-All. How can u not be over that?

    Sogar zum Besuch einer Karnevalsparty im Underground habe ich mich mal hinreissen lassen, 2001 oder 2002?, von Marc, der bereits Medizin studierte, und der dort, an diesem Abend, an dem wir eine Indie-Disko-Karnevalsparty besuchten, eine Frau kennenlernte, mit der er dann auch eine Zeit zusammen war. Welche Frau, welches GIRL, hatte ich zu der Zeit im Kopf? Wahr ist: ich kann es nicht sicher sagen.

    Vorbei an einem matt silber schimmernden Fahrzeug, das mit seinen Rohren und gerundeten Formen wie das Innere von Warhol’s früher Factory aussieht. Die Firma GRUBENBLITZ.

  • s0, 11.10.2026

    EXTENSIONS 11

    Was ich jetzt, zum ersten Mal, wirklich sehe, vielmehr bewusst betrachte, sind die Männer der ostdeutschen AfD. Es sind Fussgängerzonengesichter, Wartende an einem Regionalbahnhof, die auf keiner Retina je haften könnten. Gleiche Haarschnitte. Groß- und Außenhandelskaufmänner. Hager und doch schwammig. „Unterernährt und übergewichtig zugleich durch seine einseitige Ernährung mit Kartoffeln“, schrieb Truman Capote in einem Portrait über Ezra Pound. Sie wirken verschlagen durch ihre saisonal völlig deplatzierten cremefarbenen und hellblauen Sakkos und Hosen. In den Blicken mancher dieser Männer liegt die spezifische Spannung derer, die für das, was sie nicht sagen dürfen, gerade schlau genug sind.

    And now: Extensions 12

  • so, 4.10.2026

    REGULAR EXERCISE

    Die in Notizbüchern typischerweise auftretenden Wiederholungen weisen ferner auf den suchenden Charakter hin, den dieses Reflexionsmedium ausmacht. Freilich handelt es sich dabei in der Regel nicht um reine Wiederholungen eines vergesslichen oder zum Insistieren neigenden Autors, sondern um unterschiedliche Facetten und Blickwinkel mit Bezug auf ein und denselben Gedankengang.

    Was auch immer sich lösen ließe, an Problemen oder Verwirrungen, ich bin ohnehin unterwegs, ambulando, und die Oktobersonne steht bereits hoch. Ein schöner Tag teilt sich immer mit, wirkt, und ich empfange diese Mitteilung gern.

    Es ist der Tag des KölnMarathon. Athleten und unbeteiligte Fussgänger gleichermaßen können diesem Tag kaum umhin, vereinzelt Zonen von toxic percussionism durchqueren zu müssen. Die Gesichtsausdrücke der Trommler lassen keinen endgültigen Schluss zu, ob sich die Leute bewusst sind, was sie da machen, Lautstärke ist der Konsens, mehr noch als rhythmisches Muster oder feeling. Die Trommel, das scheint ihr auferzwungenes Schicksal geworden, ist das Instrument der Wahl, an dem noch der Unmusikalischste meint, eine direkte Linie und somit den kürzesten Weg zur MUSIK—ALL CAPS—gefunden zu haben.

    Was ist eigentlich mit dem Aspekt des „Deskilling“ (wie es Ian Burn von Art & Language in seinem Aufsatz von 1981 erwähnt und, wie man sagt, etabliert hat) — ist das noch die Konvention, das „Ent-privilegieren“ des Kunstwerks? Jetzt fällt mir ein, an wie vielen AI-generierten Speisekarten und Postern ich in letzter Zeit vorbeigegangen bin, und wie es ihre gleichförmige Zugeballertheit und Abwesenheit von optisch-gestalterischen Grundlagen war, die mich da hinschauen ließen.