• fr, 1.5.2026

    CRIPPLED SYMMETRY

    Gegen 9 Uhr hat es sich alles planetarisch eingedreht dergestalt, dass der mit der persischen Tagesdecke bedeckte Sessel, in dem ich lese, in Sonnenlicht ertrinkt (wollte ich immer schon mal so hinschreiben), und so sitze ich mit blasser Brust im dunkelblauen Morgenmantel da, und mir steigt der Geruch der von der Strahlung erwärmten Baumwolle in die Nase.

    Vor einem Jahr, heute, war es ähnlich gewesen, in Tivoli, wohin ich einen Ausflug mit Architekt Marco und seiner Frau Laura gemacht hatte, wo wir sowohl die Villa D’Este wie auch die Villa Gregoriana besuchten, und ich erinnere, dass mit jenem ersten Mai auch das nasse Wetter, mehr oder weniger plötzlich, aus der Region abzog, die vielen, mit dichtem, kriechendem Nebel beginnenden Morgen allmählich blauer und heller und die Schauer weniger wurden. Die Wärme in Italien, es ist keine Einbildung, ist dann doch eine anders kalibrierte, sie funktioniert anders, hat ein anderes Wesen. Noch bevor man die Sprache dafür findet, hat man es bereits zu wissen gelernt.

    Als prachtvolle Drainage, die Wassermassen des Aniene zu bändigen, fügte man im 18. Jahrhundert, auf Geheiß des Papstes Gregor Sixteen, Kanäle und Abflüsse den bereits im 16. Jhdt. gebauten Brunnenanlagen hinzu, die das abgeleitete Wasser in die steile Schlucht lenken, die sich jäh hinter dem Tempel der Vesta öffnet, die ockerfarben aufleuchtenden Flanken und Bruchstellen oben am Hang weich und rundgeschliffen, und spät nachmittags, weiter unten, wie ein gigantischer Kelch aufgefüllt mit dem grünlichen Blau des Schattens, in dem die ovalen Formen der Bäume und des Gesteins fast Ton-in-Ton verschwinden.
    Wir liefen die Pfade, die an der Hangseite zickzackartig nach unten führten, herab, es war gut gefüllt mit italienischen Feiertagstouristen, und man spürte mit dem Abstieg die Temperatur sich alle 15 Meter merklich senken, und den Geruch des Wassers, das aus den Grotten hallig und lauter werdend hinausfloss, näher kommen. In die Halbdunkelheit der Grotten fielen vereinzelt noch Strahlen von Sonne, und an den Rändern des Sehens glommen Flecken von Höhlenwänden äusserst blau und türkis, um dann von Moosgrün, zu dunklem Viridian bis in ein vollkommenes Schwarz abzufallen. Überall dort war es hell und dunkel gleichzeitig. Man fühlte Jahrhunderte von Geheimnis und Licht.

    Ich lehne mich hinein in diese Trickserei. Denn ich weiss nicht, wo meine Worte herkommen. Aber meine Retina hat etwas gesehen, so viel weiss ich.
    Tag der Arbeit forever.

    „eine Welt ökonomisch motivierter Lügen“

    Nebenkostenabrechnung. Nachzahlung 536 Euro, holy fuck. Grosser Lacher mal wieder.

  • di, 24.3.2026

    PERSICO MIT ROSEN

    Am Samstag kam dann, ich wartete ja drauf, die Post aus Düsseldorf an, und ich stand am Briefkasten mit dem Gedanken: gib mir die Diagnose, ich will das jetzt an mich reissen (was genau? Die Situation). Und dann, wie immer überrascht:

    Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können

    Ein direkter Uplift blieb aber aus. Vielleicht ist das ja…auch ok?

    What time is it?
    Eine Hummel, ein grosses Exemplar, ein Big Boi, pausiert am löchrigen Mauerwerk, direkt neben meinem Fenster, schrubbt sich mit den Gliedern den Kopf und den feinhaarigen Leib, und zuletzt den Hintern, wo der Pelz weiss ist.

    The time is
    HUMMELPELZ.

  • so, 15.3.2026

    STAY ALIVE
    BY STAYING OUT

    Kurze Liste:

    Ishin
    Dussmann
    Post wo?
    Pynchon Mason & Dixon wo?
    Antiquariate Mehringdamm, Riemannstr., Wilmersdorfer Str.
    mit dem BUS fahren
    Eyeflirting
    Ghost Elephants
    Aufbau (alle sind nett und unkompliziert)
    Ich kenne nur Sara, Franziska und Rishikesh
    Görlitzer Park, jetzt auch in abschliessbar
    Mexiko, The MAN Hotel (gay)
    Die Main Coon-Katzen Heidegger und Horkheimer
    „Wir haben Habermas gekillt“ – „Wollte ich dir grade auch schreiben“
    Schönhauser Allee
    vorm Babylon: Tahnee mit ihrem Rollkoffer, kommt aus NY
    warmer Fussboden
    Packung Parisienne 9 Euro
    Schulklassen vor dem Grips Theater. So sehen die Lehrer heute aus.
    usw.

    Rückkehr aus Tiergarten.
    Auf der Sonnenseite des Zuges sass ich. Eine Zeit lang.
    Kurz hinter Wolfsburg —WOLF— schob sich ein gewaltiges Grisaille dazwischen, grobkörnig, meliert, oder gleich ein ganz anderer Tag als der, der in Berlin, erst wenige Stunden vorher, angefangen hatte, sonnig und durchaus warm, an dem ich noch, wie an allen vier Tagen zuvor, vor der Bäckerei am Hansaplatz Croissant in Kaffee getunkt hatte, in der Morgensonne.

    Die discontinuity schlug mir auf die Laune, ich wurde müde im gleichgültigen Reflex der grauen Stase, die an der Scheibe klebte, und je näher der Zug dem Rheinland kam, desto kühler wurde es auch im Waggon.

    Die Eröffnung der Ausstellung empfand ich als merkwürdig. Natürlich war ich gerne dabei. Ich lasse es, wie man sagt, wash all over me. Man liess die Leute gut eine volle Stunde, Füsse scharrend, vor der grossen Treppe stehen, um auf sie erstmal Texte (und ich meine nicht die Begrüssung) abzuladen, denn zu langes Gerede darf auf keinen Fall ausbleiben. Zwei Fellows der Sparte Literatur lasen zwei zu lange Texte vor, Entschuldigung. Untrained voices all day keeps the visitor away. Dann gab es eine Berghain-artige Stauung und die Leute wurden nur büschelweise hereingelassen. Als ich dann hochging, war es aber nicht, wie das Szenario unten nahelegte, proppevoll. Es war genug Platz. Keine Ahnung.

    Vom Bett aus, im Zimmer in der AdK, vorm Schlafen, der Ausblick ins Dunkelblau von Tiergarten, die kahlen Äste like subtle cracks in the night, und Klopstockstrasse, die leuchtenden Fenster: Rubix cube.

    Im Sitz hinter mir die Frau, clicking away on her keyboard, ein Soundtrack aus Fingernägeln, immer wieder schwoll er brutzelnd an, Insekten, deren Chitinpanzer über einer Gasflamme zerplatzen. Beim Ausstieg frage ich mich, ob sie Implantate im Hintern hat.

    My sacred vernacular