• mo, 7.9.2026

    POWER GRID SABOTEUR

    Zwei Weisslinge umkreisen sich, arktisch weiss sind sie, sie fallen ab und schrauben sich wieder hoch, wie besinnungslos, drehen ab, ins pralle Sonnenlicht, und ich muss die Hand mir vor die Augen halten. Sitzen jetzt oben auf dem Hibiskus, in dem es blüht und fault zur gleichen Zeit. Fast schwarze Knospen, manche Blätter gelb, auf ihnen, knallrot und schwarz, die Schilder der Feuerwanzen. Ich hänge Wäsche auf, spüre die Gradzahl des Tages („der letzte Tag des Sommers“, stimmt doch garnicht) auf meinem Gesicht, gebe dem Hündchen Mara eine Karotte, rieche den Rasen unter mir, das alte Wasser in den Untersetzern aus Terrakotta. Äpfel, babyfaustgross, sind von den Bäumen der Nachbarn abgefallen, liegen in dunkler Erde im Schatten.
    Just to see
    What nature presents

    Das Journal hier könnte man auch falsch verstehen: aus vereinzelten Elementen nachträglich einen Sinn zu erschaffen. Nein, dieses Journal ist und bleibt eine Babyfaust.

  • fr, 4.9.2026

    LESS AUTOBIOGRAPHICAL

    „Erratisches Charisma“, schreibt Bert Rebhandl, aus Venedig heraus. Schade. Ich suchte wohl im Text einen Abglanz der Ruhe, die heute Morgen im silbrigen Wolkenhimmel liegt, der vom frischen Wind über diesen Landstrich hinweg geblasen wird. Die Textstelle hatte mich dann etwas angeschrien. So fluide kann ich dann doch nicht sein. Gibt es also eine andere Art Charisma? Etwa logisches Charisma? Auch ganz gut hilarious—fand ich im Text zur aktuellen Ausstellung im Kunstverein: „Serpas lässt sich nicht an den Brettern der Zuschreibungen festnageln.“*
    OK, das ist doch gut, dass die berühmten Bretter der Zuschreibung ungenagelt bleiben. Let’s copyright that. Lässt man sich am „ehrwürdigen“ (Blast from the past) Kunstverein etwa von KI die Texte formulieren? Immaterielle Schäden.
    Einer der ältesten und grössten Kunstvereine Germanys übrigens.
    Gleich schau ich mir die Ausstellung an.

    (* Tags zuvor, Teaser-Headline The Point-Artikel von Anastasia Berg und Jon Baskin: „Wir vertreten die Auffassung, dass wir, wenn wir die Rolle der KI in unserem Leben nicht gründlich durchdenken und abgrenzen, Gefahr laufen, die Verständlichkeit unserer eigenen kulturellen Leitkonzepte zu untergraben…“ DIE VERSTÄNDLICHKEIT)


  • di, 1.9.2026

    REALISM IN MATHEMATICS

    Dämonie des Alltags,
    Menschen erscheinen mir wie die Zahlen, ausgedacht, künstlich, und doch spricht die Welt durch sie hindurch. The largest of the Large Language Models, das hat Arme und das hat Beine, und mit denen (den Palminger-Song bekomme ich zeitlebens nicht mehr aus dem Kopf) geht es oft zu weit.
    Das Labor für diese Art der Beobachtung ist der U-Bahn-Wagen, und die fast täglichen Fahrten mit ihm sind die ganz eigene Testreihe, rein gestülpt in die normale Reihe von Tagen, den sog. Wochen. Übertriebene Wahrnehmungs-Trips der Art, auf die ich gerne mehr verzichten möchte. Wie ein aufgescheuchtes Tier steige ich oft aus, ein bisschen zerrüttet, weniger der Herr meiner Sinne.

    Dämonie des Alltags,
    aber auch die Schönheit von schwarzer Tinte auf „flattened wood pulp“ (Vonnegut). Das bringt mich auf: warum sind denn selbst beim ehrwürdigen Suhrkamp-Verlag mittlerweile alle (gebundenen) Bücher hässlich? Diese zu fettleibigen, serifenlosen Schriften auf Bilder genagelt, zu verwirrendem Effekt teilweise in unterschiedlichen Farben, die aus den Cover-Motiven mit der Photoshop Pipette extrahiert werden, stumpfe Zwangsehen der Elemente. Ich sehe, Clemens Setz hat sich eine Börremans-Malerei gewünscht, und die hat man ihm gegeben. Aber was denkt sich ein Grafiker (ein hauseigener? Ein „freier“? Wie hält man es im Hause Suhrkamp?), was wird er gedacht haben, und wie viele und wessen Augen haben das gesehen und für gut empfunden, wenn das Resultat dann so aussieht? Ist das rätselhaft, oder einfach schlechte, unsensible Arbeit? Hatte ich hier, im Jungle—sorry, Journal—bereits erwähnt, die Parallelität der Niedergänge von Buch-Gestaltung und der dem Design der Fussballtrikots („Die Auswärtstrikots leiden am meisten darunter“)? Ist es gar nur 1 Niedergang, in dem sie alle sich vereinen?

    Ich lese, Cormac McCarthy hat sich, obwohl bereits zu krank und schwach um zu lesen, neue Bücher bestellt bis zuletzt. Wie „aus Zwang“, steht in diesem Text, aber es wäre schön, gäbe es ein anderes Wort dafür, und das gibt es auch, und ich schreibe es mit der Spitze meiner Zunge auf meinen Gaumen.

    Begründete den Entschluss
    mit seiner persönlichen Neuorientierung