WHEN FLASH AND VIBRATE PLEASE TAKE THE MEAL
Noch bevor ich wirklich verstanden hatte, warum wir, die anderen Autofahrer unter der Mittagssonne und ich, eine Rettungsgasse bildeten, von einem Augenblick auf den nächsten, ohne merklichen Cue oder ein bestimmtes Signal, einfach durch intuitives Erfassen und Kopieren, durch intuitives Wissen um die Richtigkeit der Aktion, war etwas nahezu Makelloses, vielleicht Kunstähnliches gebildet und vor mir sichtbar: eine lange und saubere Schneise, die, wie ich später sehen konnte, bis weit hinter den Punkt meiner Sichtachse gegangen war, hunderte und hunderte von Metern, wo das silbrige Flirren der stillstehenden Autodächer am stärksten war, und wo alles, wenn man ein paar Sekunden zu lange hinsah, in einem farblosen Wabern ineinanderfloss.
Plötzlich war ausgerechnet die Autobahn, der Ort, an dem der Deutsche seine zivile Freiheit zuletzt verteidigt, ein merkwürdiger Ort des Stillstands geworden, der Stille fast, und konzeptuell auch: alle zusammen, wortlos, im Sinne und im Auftrag der Dinge, die direkt vor uns passieren—LITERALLY, wie jetzt immer alle sagen.
Die andere, gegenläufige Fahrbahn, sie klang zwar wie eine Fahrbahn, es wuschte und dröhnte, aber: geschenkt. Ich vernahm nur das Zirpen aus dem ockernen Band rechts von mir, der gnadenlos ausgedörrten Böschung, hinter der sich das schönste Sommerblau aufplusterte, als sei das hier sur-Mer-irgendwo, und nicht die deutsche A44, die deutsche Walzen glattgewalzt haben, dazumal. Ein leichter Wind ging.
Wer sagt es dem Deutschen, das er im Bilden der Rettungsgasse einen seiner anmutendsten Tänze gefunden hat, Rhythmus, Melodie, Sinn, in einer Maschine sitzend?
Ich kannte das nicht. In 25 Jahren Autofahren war ich noch nie in eine Vollsperrung geraten, und ich beschloss recht früh hier an diesem Donnerstagmittag, dass ich jetzt sehr vorsichtig sein wollte, wie ich das erleben will, und welche profanen Gedanken und Empfindungen, wahrscheinlich neuronale Commonalities der Wahrnehmung, ich jetzt abzublocken, abzuwehren hätte. Haben wir nicht SUFFERING schon genug profanisiert? I choose not to suffer. Ich machte mir einen gewissen Fun draus, jetzt besonders Künstler zu sein, wenn man so will, und vor allem nach AUSSEN zu schauen, und nicht nach INNEN. Entgegen der
(hier bleibt ein Kommentar zur konzertierten Curatorial Global Practice aus, aber ganz kurz angemerkt: nicht unbedingt die artists sind das Problem, sondern eine Homogenisierung von kuratorischen sog. Schwerpunkten und vielleicht sogar einer femininen Politik der Ausgrenzung? Let us live and think mit Bewährung)
Aus dem Autoradio (wie lange habe ich das nicht mehr gedacht, das Ding eines Autoradios) kommt/ich gebe mir zum xten Mal den über vierstündigen Zusammenschnitt von Interviews mit einem amerikanischen, bereits verstorbenen Schriftsteller—ich sehe mich jetzt in einer Phase (?), die die Wiederholung für den Erkenntnisgewinn schätzt. Know one book intimately, rather than dozens superficially… diese Nummer. Es kommt—tatsächlich— meistens der Punkt, an dem diese beiden Dinge konvergieren, sich die Dinge des Interesses auf dem Hyperboloid treffen, wo die Neugierde sie wild rotieren lässt, aus verschiedensten Punkten heraus, der Welt, die war, und der Welt, die ist, und auf einmal, hörst du es, spricht der tote Amerikaner über die Vollsperrrung, in der ich gerade stehe, und für Stunden stehen werde. Hast du es bemerkt?
Ist Zeit auf eine bestimmte Art und Weise vergangen, sucht man nach Progress in der bittersten Monochromie. Irgendwann, eher wahllos, hat man für sich entschieden, dass dieses STEHEN nun genug ist, und es weitergehen MUSS. Natürlich muss überhaupt nichts weitergehen. Ich schaue mit müder werdenden Augen auf einen gewählten Punkt in der flimmernden Flucht, und bin mir erst sicher, dass sich dieser etwas dunklere Fleck, den ich zu fixieren beschlossen hatte, die Hinterseite eines Lastwagens, jetzt noch etwas weiter hinten befindet. Es tat sich etwas. Aber als ich es mit der horizontalen Linie abgleiche, die die Unterseite der durch mein Sichtfeld laufenden Fussgängerbrücke bildet, bin ich mir sicher, dass es bereits vor einer Stunde, und der Stunde davor, so aussah. Ich amüsiere mich über mich selbst, dass ich zu suchen begann, Zeichen sehen wollte. Andere Leute, ein paar Frauen, dann auch Männer, klettern hinter die Böschung, um sich zu erleichtern. Obwohl sich seit Stunden nichts bewegte, schauen all diese Leute, bevor sie die Böschung hoch stapfen, kurz nach vorne, nach ganz vorne, als gäbe es einen bestimmten, günstigen Moment abzuwarten.
Nach etwas mehr als vier Stunden, es war inzwischen Wasser aus Halbliterflaschen (mit Kohlensäure! Deutschland.) verteilt worden, erst ein Mal, dann nochmal, schien es Bewegung zu geben. Einige Autos drehten, kurz vorher noch, und fuhren zurück zur nahegelegendsten Auffahrt, was die Polizei zuerst duldete, und dann nicht mehr. Ein pickliger Polizist konnte mir dazu nur Etwaiges, und dann auf einmal eigentlich nicht mehr sagen. Die Handwerker, die die ganze Zeit neben mir standen, schienen ebenfalls entschlossen zu drehen („Ich dreh jetzt auch um“), aber dann ging es plötzlich weiter. Ich dachte an den Philosophen Dennett, und wie er meinte, ein Verkehrsstau sei ein perfektes Beispiel für Emergenz. Dies hier war allerdings kein Stau.
Da hinten, ich sah es nun deutlich, fuhren die Autos langsam los, und wir, die wir auf dem Seitenstreifen standen, blieben dort auch weiterhin noch, setzten unsere Fahrt dort fort, da lag die Fahrbahn bereits im Schatten, und die Natur um uns herum, die über der Lichtnarbe lag, begann nun zu leuchten, french-painting-style.
Ziemlich genau um 20 Uhr taumelte ich aus dem Auto, und meine Augen fühlten sich fremd in ihren Höhlen an, nicht unangenehm.
Auf der Hinfahrt, hinauf ins hessische Land zu Tassilo’s Nudelgerichten in der wunderschönen Scheune, sah ich auf der Autobahn einen Sattelschlepper, mit zwei langen, leeren Ladeflächen als Anhängern. Einzig ein kleines, graues Bobby-Car® war, entgegen der Fahrtrichtung, auf die grosse Ladefläche geschnallt. Das war nicht ohne Wirkung auf mich gewesen, auf der Hinfahrt, how could it not, und jetzt denke ich: dieses Bobby-Car®, das war ich.