• fr, 7.8.2026

    HILLS AND MARKETS BLUSH IN THE SUNSET

    Streit bei den Elstern, auf der Dachrinne. Es wirbeln schwarze Federn durch die Luft, wie im Cartoon, und im Sturzflug wird sich weiter gekabbelt und eingedreht, ein sagenhafter Krach dabei, der aus den kleinen Tieren kommt. Zurück auf der Dachrinne bleiben, schrill quäkend, Freunde und Angehörige.
    Dann fällt der streitende Knäuel, wings snapping, aus dem Blickfeld, und nur noch die frühe Sommersonne bleibt übrig.
    Sie beleuchtet jetzt meine nackten Füsse, die ich wie das glühende Ende einer Zigarette der Welt entgegenhalte.
    Wenig später, eine neuer Sound: Möwen, hinten vom Rheinufer her.

    Letzte Woche mit Jon nochmal für vier Stunden ins Wallraf, bevor es für zwei Jahre, die mehr als zwei Jahre sein werden, schliesst („Wallraf — Ein Museum wird erneuert“). Diesmal, ich weiss nicht, warum oder wieso ausgerechnet jetzt, empfand ich eine grössere Nähe, eine direktere Verbindung zu den spätmittelalterlichen, gotischen Bildern, deren Welt so unvorstellbar ist.

    Der junge Mensch kann gar nicht wissen, wer die Griechen und Römer Goten sind.

    Während wir umhergingen und schauten, probten wenige Räume weiter, im Hauptsaal, junge Jazzmusiker für den Auftritt, für den sie zwei Tage später, zur grossen Closing-Party („Wallraf — Ein Museum wird erneuert“), gebucht sind. Die ganze Gotik begann, hatte ich den Eindruck, zu leben, zu flirren, als die Musiker lange Töne durch die Räume schickten, Fahnen dunkelster und hellster Farben, nicht sichtbar, und frischer Wind kam auf, in Gestalt wunderschönster Dissonanzen, die meinen Gedanken Ein- und Ausgang weisten. Ich kann mich an fast keinen erinnern, aber ich weiss, dass es mir alles war in diesem Moment. Wenn ich bescheuert genug wär, würde ich sagen: ich war happy.

    Das ÜBERDESIGN, das großartig Überdesignte dieser vollkommen präskriptiven Kunst, es hatte diesmal, sehr wahrscheinlich durch den Zufall mit der Musik, eine Weichheit, fast eine herbstliche Verzweiflung, die sich als Eindruck vor die gemalte Härte schob, vor all die vernichtenden Blicke, vor die verlorenen Blicke aus fischigen Augen, vor die kleinen hohen Brüste der Frauen, die wie Bleikugeln in ihren Miedern prangen, vor abgehackte Arme und Köpfe, aus denen noch das Blut spritzt.
    Hinter all dem, wie ich finde, übertriebenen Schmelz und Finish, hinter der Versessenheit, mit den dünnsten und feinsten Marderhaaren noch den kleinsten Dot auf einer Rüstung, den kleinsten schimmernden Faden in schweren Gewändern darzustellen, als ob diese blosse, fromme Anhäufung von Details unter dem Diktat der Hand irgendwann, mit Gottes Licht und Geleit, sich zu etwas Ganzem zusammenfügte, da…..

    Mit dem August beginnt für einige die Off-Season. Für andere beginnt sie im Winter.

  • mi, 22.7.2026

    DIE SPÄTER DEN ÄLTEREN DUCHAMP ZU TEILS HEFTIGEN POLEMIKEN VERLEITEN SOLLTE

    Als ich an den auf der nordseitigen Domtreppe Kiffenden vorbeilaufe, und sich im Sichtfeld der schwarze Stein breit macht, muss ich an die ganze The Odyssey (ἡ Ὀδύσσεια) Propaganda denken, die mich seit Tagen ungefragt in a thousand cuts überschwemmt. Ich kann gar nicht beschreiben, wie egal,
    und wie egaler je—
    es mir wird.
    Gestern hab ich einen schwarzen Hund gestreichelt, sein Name kam mir, kommt mir jetzt auch Griechisch vor? Karon? Κάρων?

    Bisher habe ich C. Nolan als Chief Pimp eines zunehmend dröhnenden Generic Literalism empfunden, dessen Filme mit steigenden Budgets gleichsam auf so steroide Art praller werden in ihrem Anliegen, aus den Big Man-Themen (Zeit und Raum) so visuelle Bällchen-Pools zu machen, in die man bisschen „eintauchen“, aber auch bisschen was fummeln kann. Dunkirk find ich ganz okay. Auf Krieg ist halt Verlass.

    Mir fällt das Denken (mittlerweile) öfter schwer. Bis auf die Momente, in denen es mir ganz leicht fällt. Und dann wirkt es so, als sei ich einer der Wenigen, die überhaupt noch denken. Keinen der beiden Zustände verbalisiere ich. Treibt jetzt so ein Keil ins Leben rein? Kommt jetzt eine Proust’sche 2. Phase, wo alles so Ästhetik wird? Gäbe doch Schlimmeres, oder.

    Am Telefon höre ich den berechtigten Stolz meiner Mutter, wie sie es in den letzten zwei Jahren durch Bewegung, Beherrschung, Behandlung und guten Willen geschafft hat, ihr rheumatisches Knie so zu stabilisieren, dass selbst der Physische Therapeut erstaunt schien, und zugab, noch bei den ersten Terminen habe er eine baldige Operation für unumgänglich gehalten. Es gibt auch einen neuen Sonnenschirm. Er ist ROT.

    „Fights!“ von McClanahan gelesen. Sogar die Deutsche Übersetzung, von Clemens Setz natürlich, ist schon mit Cover und allem angekündigt. Finde ich ja gut, dass Setz das so in die Hand nimmt. Er hat den Status, sich diese Dinge auszusuchen. Werde ich irgendwann Setz selbst lesen?

  • mi, 8.7.2026

    AUS UNSEREM MOBILSTALL

    Wilmersdorf. Die Art, wie Philipp seine kräftig gewachsene Monstera auf dem elektrischen Klavier positioniert hat, wie ich sie hier vorfinde, die grossen Blätter hängen tief und ausladend in den Wirkbereich des Instruments, legt nahe, dass er nur noch selten darauf spielt. Im schwarzen Lack des Deckels spiegeln sich die Blätter als monochrome Scherenschnitte. Über die gestrichenen Oktaven hält Monstera ihre Hände und sagt: don’t play. Oder aber: go on, play it.
    Jetzt steht es da, das Casio®, in der lichtärmsten Ecke des Raums, und draussen scheint die Sonne.

    Obwohl ich Philipp schon viele, viele Jahre kenne, verbinde ich das Musikmachen überhaupt nicht mit ihm. Wenn ich mir das zurechtlege, dann ist Philipp einer dieser Menschen, die ein bestimmtes Verhältnis zu einem Instrument, und nicht Musik selbst, aus ihrer Kindheit, Jugend, mit in ihr Erwachsenenleben nehmen, wo es sich als Material seinen Raum nimmt, und man, Phillip in diesem Falle, sich selbst fragen kann: was hat es mit mir zu tun?
    Ich nehme an, dass Philipp, in der Gautinger Jugend, Unterricht genommen hatte, oder ihm diese Entscheidung abgenommen wurde. Ich habe ihn mal spielen sehen, nach Noten, jedoch sehe ich Philipp nicht, wie er einen Ton spielt, und hört, wie sich dieser in Raum und Zeit ausbreitet. Not judging.
    Ich denke an das Klavier in Olevano. Und denke an den plumpen, aber richtigen Ansatz zum Verzicht (Was man nicht hat, das braucht man nicht etc.), jetzt aber umgekehrt. Wenn ich ein Klavier habe, dann spiele ich auch drauf.
    One note at a time. Anders kann ich es gar nicht.