• fr, 14.8.2026

    WHEN FLASH AND VIBRATE PLEASE TAKE THE MEAL

    Noch bevor ich wirklich verstanden hatte, warum wir, die anderen Autofahrer unter der Mittagssonne und ich, eine Rettungsgasse bildeten, von einem Augenblick auf den nächsten, ohne merklichen Cue oder ein bestimmtes Signal, einfach durch intuitives Erfassen und Kopieren, durch intuitives Wissen um die Richtigkeit der Aktion, war etwas nahezu Makelloses, vielleicht Kunstähnliches gebildet und vor mir sichtbar: eine lange und saubere Schneise, die, wie ich später sehen konnte, bis weit hinter den Punkt meiner Sichtachse gegangen war, hunderte und hunderte von Metern, wo das silbrige Flirren der stillstehenden Autodächer am stärksten war, und wo alles, wenn man ein paar Sekunden zu lange hinsah, in einem farblosen Wabern ineinanderfloss.

    Plötzlich war ausgerechnet die Autobahn, der Ort, an dem der Deutsche seine zivile Freiheit zuletzt verteidigt, ein merkwürdiger Ort des Stillstands geworden, der Stille fast, und konzeptuell auch: alle zusammen, wortlos, im Sinne und im Auftrag der Dinge, die direkt vor uns passieren—LITERALLY, wie jetzt immer alle sagen.
    Die andere, gegenläufige Fahrbahn, sie klang zwar wie eine Fahrbahn, es wuschte und dröhnte, aber: geschenkt. Ich vernahm nur das Zirpen aus dem ockernen Band rechts von mir, der gnadenlos ausgedörrten Böschung, hinter der sich das schönste Sommerblau aufplusterte, als sei das hier sur-Mer-irgendwo, und nicht die deutsche A44, die deutsche Walzen glattgewalzt haben, dazumal. Ein leichter Wind ging.
    Wer sagt es dem Deutschen, das er im Bilden der Rettungsgasse einen seiner anmutendsten Tänze gefunden hat, Rhythmus, Melodie, Sinn, in einer Maschine sitzend?

    Ich kannte das nicht. In 25 Jahren Autofahren war ich noch nie in eine Vollsperrung geraten, und ich beschloss recht früh hier an diesem Donnerstagmittag, dass ich jetzt sehr vorsichtig sein wollte, wie ich das erleben will, und welche profanen Gedanken und Empfindungen, wahrscheinlich neuronale Commonalities der Wahrnehmung, ich jetzt abzublocken, abzuwehren hätte. Haben wir nicht SUFFERING schon genug profanisiert? I choose not to suffer. Ich machte mir einen gewissen Fun draus, jetzt besonders Künstler zu sein, wenn man so will, und vor allem nach AUSSEN zu schauen, und nicht nach INNEN. Entgegen der
    (hier bleibt ein Kommentar zur konzertierten Curatorial Global Practice aus, aber ganz kurz angemerkt: nicht unbedingt die artists sind das Problem, sondern eine Homogenisierung von kuratorischen sog. Schwerpunkten und vielleicht sogar einer femininen Politik der Ausgrenzung? Let us live and think mit Bewährung)

    Aus dem Autoradio (wie lange habe ich das nicht mehr gedacht, das Ding eines Autoradios) kommt/ich gebe mir zum xten Mal den über vierstündigen Zusammenschnitt von Interviews mit einem amerikanischen, bereits verstorbenen Schriftsteller—ich sehe mich jetzt in einer Phase (?), die die Wiederholung für den Erkenntnisgewinn schätzt. Know one book intimately, rather than dozens superficially… diese Nummer. Es kommt—tatsächlich— meistens der Punkt, an dem diese beiden Dinge konvergieren, sich die Dinge des Interesses auf dem Hyperboloid treffen, wo die Neugierde sie wild rotieren lässt, aus verschiedensten Punkten heraus, der Welt, die war, und der Welt, die ist, und auf einmal, hörst du es, spricht der tote Amerikaner über die Vollsperrrung, in der ich gerade stehe, und für Stunden stehen werde. Hast du es bemerkt?

    Ist Zeit auf eine bestimmte Art und Weise vergangen, sucht man nach Progress in der bittersten Monochromie. Irgendwann, eher wahllos, hat man für sich entschieden, dass dieses STEHEN nun genug ist, und es weitergehen MUSS. Natürlich muss überhaupt nichts weitergehen. Ich schaue mit müder werdenden Augen auf einen gewählten Punkt in der flimmernden Flucht, und bin mir erst sicher, dass sich dieser etwas dunklere Fleck, den ich zu fixieren beschlossen hatte, die Hinterseite eines Lastwagens, jetzt noch etwas weiter hinten befindet. Es tat sich etwas. Aber als ich es mit der horizontalen Linie abgleiche, die die Unterseite der durch mein Sichtfeld laufenden Fussgängerbrücke bildet, bin ich mir sicher, dass es bereits vor einer Stunde, und der Stunde davor, so aussah. Ich amüsiere mich über mich selbst, dass ich zu suchen begann, Zeichen sehen wollte. Andere Leute, ein paar Frauen, dann auch Männer, klettern hinter die Böschung, um sich zu erleichtern. Obwohl sich seit Stunden nichts bewegte, schauen all diese Leute, bevor sie die Böschung hoch stapfen, kurz nach vorne, nach ganz vorne, als gäbe es einen bestimmten, günstigen Moment abzuwarten.

    Nach etwas mehr als vier Stunden, es war inzwischen Wasser aus Halbliterflaschen (mit Kohlensäure! Deutschland.) verteilt worden, erst ein Mal, dann nochmal, schien es Bewegung zu geben. Einige Autos drehten, kurz vorher noch, und fuhren zurück zur nahegelegendsten Auffahrt, was die Polizei zuerst duldete, und dann nicht mehr. Ein pickliger Polizist konnte mir dazu nur Etwaiges, und dann auf einmal eigentlich nicht mehr sagen. Die Handwerker, die die ganze Zeit neben mir standen, schienen ebenfalls entschlossen zu drehen („Ich dreh jetzt auch um“), aber dann ging es plötzlich weiter. Ich dachte an den Philosophen Dennett, und wie er meinte, ein Verkehrsstau sei ein perfektes Beispiel für Emergenz. Dies hier war allerdings kein Stau.
    Da hinten, ich sah es nun deutlich, fuhren die Autos langsam los, und wir, die wir auf dem Seitenstreifen standen, blieben dort auch weiterhin noch, setzten unsere Fahrt dort fort, da lag die Fahrbahn bereits im Schatten, und die Natur um uns herum, die über der Lichtnarbe lag, begann nun zu leuchten, french-painting-style.
    Ziemlich genau um 20 Uhr taumelte ich aus dem Auto, und meine Augen fühlten sich fremd in ihren Höhlen an, nicht unangenehm.

    Auf der Hinfahrt, hinauf ins hessische Land zu Tassilo’s Nudelgerichten in der wunderschönen Scheune, sah ich auf der Autobahn einen Sattelschlepper, mit zwei langen, leeren Ladeflächen als Anhängern. Einzig ein kleines, graues Bobby-Car® war, entgegen der Fahrtrichtung, auf die grosse Ladefläche geschnallt. Das war nicht ohne Wirkung auf mich gewesen, auf der Hinfahrt, how could it not, und jetzt denke ich: dieses Bobby-Car®, das war ich.

  • fr, 7.8.2026

    HILLS AND MARKETS BLUSH IN THE SUNSET

    Streit bei den Elstern, auf der Dachrinne. Es wirbeln schwarze Federn durch die Luft, wie im Cartoon, und im Sturzflug wird sich weiter gekabbelt und eingedreht, ein sagenhafter Krach dabei, der aus den kleinen Tieren kommt. Zurück auf der Dachrinne bleiben, schrill quäkend, Freunde und Angehörige.
    Dann fällt der streitende Knäuel, wings snapping, aus dem Blickfeld, und nur noch die frühe Sommersonne bleibt übrig.
    Sie beleuchtet jetzt meine nackten Füsse, die ich wie das glühende Ende einer Zigarette der Welt entgegenhalte.
    Wenig später, eine neuer Sound: Möwen, hinten vom Rheinufer her.

    Letzte Woche mit Jon nochmal für vier Stunden ins Wallraf, bevor es für zwei Jahre, die mehr als zwei Jahre sein werden, schliesst („Wallraf — Ein Museum wird erneuert“). Diesmal, ich weiss nicht, warum oder wieso ausgerechnet jetzt, empfand ich eine grössere Nähe, eine direktere Verbindung zu den spätmittelalterlichen, gotischen Bildern, deren Welt so unvorstellbar ist.

    Der junge Mensch kann gar nicht wissen, wer die Griechen und Römer Goten sind.

    Während wir umhergingen und schauten, probten wenige Räume weiter, im Hauptsaal, junge Jazzmusiker für den Auftritt, für den sie zwei Tage später, zur grossen Closing-Party („Wallraf — Ein Museum wird erneuert“), gebucht sind. Die ganze Gotik begann, hatte ich den Eindruck, zu leben, zu flirren, als die Musiker lange Töne durch die Räume schickten, Fahnen dunkelster und hellster Farben, nicht sichtbar, und frischer Wind kam auf, in Gestalt wunderschönster Dissonanzen, die meinen Gedanken Ein- und Ausgang weisten. Ich kann mich an fast keinen erinnern, aber ich weiss, dass es mir alles war in diesem Moment. Wenn ich bescheuert genug wär, würde ich sagen: ich war happy.

    Das ÜBERDESIGN, das großartig Überdesignte dieser vollkommen präskriptiven Kunst, es hatte diesmal, sehr wahrscheinlich durch den Zufall mit der Musik, eine Weichheit, fast eine herbstliche Verzweiflung, die sich als Eindruck vor die gemalte Härte schob, vor all die vernichtenden Blicke, vor die verlorenen Blicke aus fischigen Augen, vor die kleinen hohen Brüste der Frauen, die wie Bleikugeln in ihren Miedern prangen, vor abgehackte Arme und Köpfe, aus denen noch das Blut spritzt.
    Hinter all dem, wie ich finde, übertriebenen Schmelz und Finish, hinter der Versessenheit, mit den dünnsten und feinsten Marderhaaren noch den kleinsten Dot auf einer Rüstung, den kleinsten schimmernden Faden in schweren Gewändern darzustellen, als ob diese blosse, fromme Anhäufung von Details unter dem Diktat der Hand irgendwann, mit Gottes Licht und Geleit, sich zu etwas Ganzem zusammenfügte, da…..

    Mit dem August beginnt für einige die Off-Season. Für andere beginnt sie im Winter.

  • mi, 22.7.2026

    DIE SPÄTER DEN ÄLTEREN DUCHAMP ZU TEILS HEFTIGEN POLEMIKEN VERLEITEN SOLLTE

    Als ich an den auf der nordseitigen Domtreppe Kiffenden vorbeilaufe, und sich im Sichtfeld der schwarze Stein breit macht, muss ich an die ganze The Odyssey (ἡ Ὀδύσσεια) Propaganda denken, die mich seit Tagen ungefragt in a thousand cuts überschwemmt. Ich kann gar nicht beschreiben, wie egal,
    und wie egaler je—
    es mir wird.
    Gestern hab ich einen schwarzen Hund gestreichelt, sein Name kam mir, kommt mir jetzt auch Griechisch vor? Karon? Κάρων?

    Bisher habe ich C. Nolan als Chief Pimp eines zunehmend dröhnenden Generic Literalism empfunden, dessen Filme mit steigenden Budgets gleichsam auf so steroide Art praller werden in ihrem Anliegen, aus den Big Man-Themen (Zeit und Raum) so visuelle Bällchen-Pools zu machen, in die man bisschen „eintauchen“, aber auch bisschen was fummeln kann. Dunkirk find ich ganz okay. Auf Krieg ist halt Verlass.

    Mir fällt das Denken (mittlerweile) öfter schwer. Bis auf die Momente, in denen es mir ganz leicht fällt. Und dann wirkt es so, als sei ich einer der Wenigen, die überhaupt noch denken. Keinen der beiden Zustände verbalisiere ich. Treibt jetzt so ein Keil ins Leben rein? Kommt jetzt eine Proust’sche 2. Phase, wo alles so Ästhetik wird? Gäbe doch Schlimmeres, oder.

    Am Telefon höre ich den berechtigten Stolz meiner Mutter, wie sie es in den letzten zwei Jahren durch Bewegung, Beherrschung, Behandlung und guten Willen geschafft hat, ihr rheumatisches Knie so zu stabilisieren, dass selbst der Physische Therapeut erstaunt schien, und zugab, noch bei den ersten Terminen habe er eine baldige Operation für unumgänglich gehalten. Es gibt auch einen neuen Sonnenschirm. Er ist ROT.

    „Fights!“ von McClanahan gelesen. Sogar die Deutsche Übersetzung, von Clemens Setz natürlich, ist schon mit Cover und allem angekündigt. Finde ich ja gut, dass Setz das so in die Hand nimmt. Er hat den Status, sich diese Dinge auszusuchen. Werde ich irgendwann Setz selbst lesen?