• mi, 8.7.2026

    AUS UNSEREM MOBILSTALL

    Wilmersdorf. Die Art, wie Philipp seine kräftig gewachsene Monstera auf dem elektrischen Klavier positioniert hat, wie ich sie hier vorfinde, die grossen Blätter hängen tief und ausladend in den Wirkbereich des Instruments, legt nahe, dass er nur noch selten darauf spielt. Im schwarzen Lack des Deckels spiegeln sich die Blätter als monochrome Scherenschnitte. Über die gestrichenen Oktaven hält Monstera ihre Hände und sagt: don’t play. Oder aber: go on, play it.
    Jetzt steht es da, das Casio®, in der lichtärmsten Ecke des Raums, und draussen scheint die Sonne.

    Obwohl ich Philipp schon viele, viele Jahre kenne, verbinde ich das Musikmachen überhaupt nicht mit ihm. Wenn ich mir das zurechtlege, dann ist Philipp einer dieser Menschen, die ein bestimmtes Verhältnis zu einem Instrument, und nicht Musik selbst, aus ihrer Kindheit, Jugend, mit in ihr Erwachsenenleben nehmen, wo es sich als Material seinen Raum nimmt, und man, Phillip in diesem Falle, sich selbst fragen kann: was hat es mit mir zu tun?
    Ich nehme an, dass Philipp, in der Gautinger Jugend, Unterricht genommen hatte, oder ihm diese Entscheidung abgenommen wurde. Ich habe ihn mal spielen sehen, nach Noten, jedoch sehe ich Philipp nicht, wie er einen Ton spielt, und hört, wie sich dieser in Raum und Zeit ausbreitet. Not judging.
    Ich denke an das Klavier in Olevano. Und denke an den plumpen, aber richtigen Ansatz zum Verzicht (Was man nicht hat, das braucht man nicht etc.), jetzt aber umgekehrt. Wenn ich ein Klavier habe, dann spiele ich auch drauf.
    One note at a time. Anders kann ich es gar nicht.

  • di, 2.6.2026

    SIND BLITZE, SIND DONNER IN WOLKEN VERSCHWUNDEN?

    Was einen für lange umgibt, das wird einem irgendwann Natur.
    So wie das Analoge Milieu, in dem ich, in dem so viele, die meisten, die ich kenne, aufgewachsen sind. Wie könnte Big Mother Analogue uns nicht, Frage, eine spezifische Wahrnehmung anerzogen haben.

    See the Papaya, Alien Fruit.
    Ihr Fruchtleisch leuchtet dunkelorange, von Saft ganz verschwommen, hinter der Folie. Die tiefschwarzen, im Licht grünlich schimmernden runden Kerne liegen ganz dicht, wie als Schwarm, in ihrer weiblichen Mulde. Spinnen, die ihre Kinder zu Hunderten auf dem Rücken umhertragen.

  • sa, 30.5.2026

    VORHERSAGE VON SONNENSTÜRMEN

    Squeakie Burroughs Asleep (Hale County, Alabama), 1936

    As they say—es ist wie immer: die Hitze, she is lingering, und sie diktiert den Körpern, und sie füllt meine kleine Wohnung spürbar mit träger Masse. DIE HAUT.

    Die Haut, meine Haut, die ist das letzte, grosse Ding, das zwischen der Welt und mir liegt. Schon als Kind habe ich verstanden, dass ich auf meine Haut werde aufpassen müssen, wie auf einen besonders zerbrechlichen Gegenstand, dass ich würde vorsichtiger sein müssen, als andere. Ich habe bereits als Kind eine Art Neid empfunden auf andere Kinder, die, wenn sie aus dem Urlaub zurückkamen, sichtlich gebräunt waren, irgendwie leicht verändert, seltsam triumphierend, und diese Anderen hatten ganz offensichtlich mit der Sonne selbst in fremden Ländern eine Art Abkommen, und so wirkte es auf mich, als würde erst die Bräune diesen Urlaub, aus dem sie zurückgekommen waren, so richtig echt werden lassen, gültig, real.
    Ich weiss noch, wie ich auf die üblichen Fragen, die ich wahrheitsgemäss beantwortete, meistens zu hören bekam: aber du bist ja garnicht braun. Als würde ich lügen, oder wäre sozusagen auf falsche Art dort gewesen, falsch unter der südlichen Sonne.

    Ich weiss auch noch, wie die südliche Sonne diese besondere Müdigkeit auslösen konnte, und ich das schon früh, ohne es wirklich zu verstehen, zu geniessen wusste, dass ich mich dieser Müdigkeit hinzugeben hatte. Ich kann mich sehr genau an die Vorfreude erinnern, mit 15 oder 16, wenn ich mich am späten Nachmittag, gegen 16 oder 17 Uhr, auf mein Zimmer zurückzog, die vom Tag aufgewärmte Haut in ein leicht kühleres Laken, auf ein leicht kühleres Kopfkissen legte, zwei Stunden tief zu schlafen, und um dann direkt beim Aufwachen einen ganz neuen, aufregenden Reiz zu spüren, vielleicht sogar von eben diesem Reiz geweckt zu werden, den einer herannahenden Nacht, auf der Schwelle zum Erwachsensein, mit all dem innerlichen, aufregendem Trubel, der diese Nächte zu Orten vereigentlichte, mit festen materiellen Rändern, und deren Zeitlichkeit sich in den Gerüchen der noch warm aufgeladenen Strassen, den unwiderstehlich duftenden Pinien daneben, auflöste, zwischen Menschen, die nach Aftersun dufteten, nach gewaschenen Haaren, das Parfüm junger Frauen, wenige, aber entscheidende Jahre älter als ich.
    In diesen Nächten machte mir die Sonne ihre erweiterte Theorie klar—and its message was heard.